Stolpern am Weg zum Erwachsenwerden

Auf dem Weg zum Erwachsenwerden

Da keine Jugendlichen meines Alters in der Nähe lebten und die Gesellschaft von Brüdern im Babyalter, Schafen, Vögeln und Bäumen* mit der Zeit ihre Faszination verlor, meldete ich mich zusammen mit meiner Schwester in der Reitschule im Dorf jenseits des Hügels an. So gingen wir an sechs Tagen in der Woche mehrere Kilometer durch Wälder und über Felder zu den Pferden.

(Aus: Ich werde dich sehen, wenn die Adler wieder fliegen)

Dort durchlief ich verschiedene „Initiationen“ durch die ortsansässige Jugend, die zumeist körperlich recht unerfreulich waren, weil ich nicht allzu gut darin war, mich anzupassen und meinen Mund zu halten.

Meine Leidenschaft für Literatur und meine Abneigung gegenüber den populären Mannschaftssportarten wie Fußball gefiel den älteren Arbeiter- und Bauernkindern nicht besonders. Doch sobald ich mein Talent fürs Rauchen und Trinken und für antiautoritäres Verhalten im Allgemeinen entdeckt hatte, begannen die Verhältnisse sich deutlich zu verbessern.

Der örtliche Stamm wurde zugänglicher, und eine bemerkenswerte Zahl seiner überwiegend langhaarigen Mitglieder entpuppte sich als Individuen mit poetischer Neigung und unternehmungslustigem Geist, bewandert auf Gebieten, die für mich jungfräuliches Terrain waren. In ihrer Gesellschaft begann ich schnell damit, Motorrad zu fahren, in Kneipen abzuhängen, über Politik zu diskutieren und Musik zu hören, die in fundamentalem Kontrast zur Plattensammlung meiner Familie stand.

Mit einer dieser bunten Figuren entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft: Harti hatte wunderbares langes, leicht lockiges Haar, ein eigenes, wenn auch winziges Zimmer, eine endlos tolerante Mutter und einen enorm vielfältigen und faszinierenden Musikgeschmack.

Während die Spitze meiner eigenen Erfahrungen mit Avantgarde-Sounds bis dahin aus Simon & Garfunkel, Elvis und Dvoraks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ bestand, machte ich nun Bekanntschaft mit Charley Parker, Gong, Herby Hancock, Undisputed Truth, Ravi Shankar, Nusrat Fateh Ali Khan, Mother’s Finest und, und, und.

An fast jedem Abend, durch alle Jahreszeiten hindurch, wartete ich, bis meine Eltern eingeschlafen waren, schlich dann in den Keller, „borgte“ ein paar Flaschen Bier oder eine Flasche Wein, nahm ein paar Zigaretten aus der Schublade und ging durch den Wald, um mit meinem Freund bis kurz vor der Morgendämmerung zusammenzusitzen. Schallplatten, die sich auf dem Teller drehten – wir hörten den extatischen, meditativen, seltsamen, melancholischen, schreienden, heulenden Virtuosen aus aller Welt zu. Manchmal tanzten wir wie Derwische, dann wieder diskutierten wir leidenschaftlich, und oft lasen wir auch gemeinsam – die Autoren der Beat Generation, die Geschichte der Philosophie, über die Geheimnisse alter Zivilisationen, Werke von Böll, Camus, Sartre, Tom Robbins, Castaneda

In einer dieser Nächte knisterte eine Platte auf dem Teller, und als der Klang in die Luft stieg, betraten wir eine andere Welt des künstlerischen Ausdrucks. „Coming and Going“ von Jim Pepper, ein Muskogee/Kaw-Indianer und Jazz-Tenorsaxofonist. Jim Pepper nahm die Rythmen und Melodien seines Stammes und übersetzte sie ins Jetzt – und brachte dabei jeden Tropfen seines Indianerblutes zum Vibrieren.

Seine Musik wurde der Soundtrack unseres Lebens, und wohin immer wir wanderten in unseren zunehmend psychedelischen Erkundungen der Sinne, kehrten wir immer zurück zu Liedern wie

Ya Na Ho, Witchi- Tai –To
(Witchi Tia To Gi MieRah
Whoa Ron-Nee Ka
Whoa Ron-Nee Ka
Hey-Ney Hey-Ney No Wah
Water Spirit Feelings
Springin’ Round My Head
Makes Me Feel Glad
That I’m Not Dead)

…ich wusste kaum etwas darüber, außer dass es ein Lied der Peyote war, das erste, das bis in mein Herz drang und ihm den Weg der „Anderen“ zeigte.

In den folgenden Jahren wurden die Verlockungen des gesellschaftlichen Lebens ein Hindernis auf der Seite der Bildung, und meine akademische Karriere litt dramatisch darunter. Wären da nicht Eltern und Lehrer gewesen, ich hätte es kaum bemerkt – und es schon gar nicht für wichtig erachtet, weil ich das Straßenleben für die weit bessere Umgebung hielt, um wertvolle Lektionen zu lernen. Doch schließlich wurde es unmöglich, diese beiden Welten miteinander zu vereinbaren, und ich wurde (nicht allzu rücksichtsvoll) gebeten, mich für einen anderen Bildungsweg zu entscheiden.

Ich wählte das, was aus dem Bauch heraus die logische Wahl zu sein schien: darstellende Kunst und Medien. Zum Glück war meine improvisierte Vorführung von Patrick Süskinds Einpersonenstück „Der Kontrabass“ in der Lage, die acht Aufnahmeprüfer der renommierten Wiener Schule so weit zu überzeugen, dass sie mir das Studium erlaubten, obwohl ich weder das nötige Alter noch den eigentlich vorausgesetzten Bildungsabschluss hatte.

Die Zeit dort war unterhaltsam und lehrreich, doch auch ziemlich streng und autoritär, so dass meine angeborene Abneigung gegenüber Disziplin und festen Strukturen immer wieder durch hartnäckige Widerrede und ausgedehnte Abwesenheit rebellierte. Trotz der inspirierenden Freude, die die Anwesenheit zahlloser überaus lieblicher Mädchen (inklusive zukünftiger Balletttänzerinnen …) mit sich brachte, entwickelte ich die Gewohnheit ausgedehnter Frühstücke und verlängerter Mittagspausen in den Literatencafés des ersten Wiener Bezirks – was auf eine eigene Art sehr lehrreich war, weil die Gewohnheit dort darin bestand, zu lesen, zu lesen und zu lesen und dann darüber zu sprechen, was man gelesen hatte (zwischendurch wurde auch etwas getrunken).

Gerade als sich die Autoritäten anschickten, meinen Lebensstil und meine intellektuellen Erkundungen ernsthaft zu beschneiden, erschien ein populärer Theaterdirektor, um Schauspieler für eine Serie sommerlicher Aufführungen zu casten, die er irgendwo im Weinviertel plante.

Es waren verschiedene Rollen zu besetzen, und eine davon verlangte speziell nach einem jungen Mann, der – ein Pferd reiten konnte. So bekam ich, obwohl ich ein völliger Neuling in diesem Beruf war, meine Chance, es zu versuchen. Welches Stück sollte überhaupt aufgeführt werden?

Ich hatte nicht nachgefragt, aber wenn Pferde dabei waren, gab es nicht allzu viele Möglichkeiten: Irgendetwas Mittelalterliches, die drei Musketiere oder … richtig: Karl May. Und so kam es, dass ich für zwei Sommer zusammen mit professionellen Kollegen auf Julia, meinem Pferd, über eine Bühne wie ein Amphitheater ritt, die in einem Steinbruch arrangiert worden war, mit guter Unterbringung und Bezahlung. Ich spielte die speziell erfundene Rolle des jungen Sohns eines Kiowa-Häuptlings, der zwei Erzfeinde hatte – Winnetou und Old Shatterhand.

An drei Tagen in jeder Woche, manchmal zweimal am Tag, sahen uns Hunderte von Menschen aller Altersstufen dabei zu, wie wir im Weinviertel den Wilden Westen lebten und atmeten, so wie ihn sich ein Mann vorgestellt hatte, der niemals dort gewesen war. Viel Action, markige Dialoge mit ein bisschen schrulligem Humor, dramatische Momente und Emotionen – und der Zeitplan war so ausgetüftelt, dass die letzten Akte im sanften Licht der sinkenden österreichischen Sommersonne gebadet wurden. Während es von den Granitwänden des Steinbruches reflektiert wurde, durch die Winnetous letzte Worte hallten, kämpften Alt und Jung mit den Tränen.

Später dann, außerhalb der hölzernen Palisaden in den Eingeweiden des kulissenhaften Wildwestdorfes, war es schwierig, sich durch die Ansammlungen der Autogrammjäger zu drängen, vorbei an den großen Augen von Kindern, deren devotes Verhalten mir ein bisschen Angst machte. Dann ging ich mit Sam Hawkins, Old Firehand, Kleki Petra und noch ein paar Indianern und Siedlern ins Wirtshaus, um leidenschaftlich das Erzeugnis zu genießen, das dem Weinviertel seinen Namen gab.

Bleibt dran: Der nächste Artikel dieser Serie kommt bald …

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Auf dem Weg zum Erwachsenwerden Auf dem Weg zum Erwachsenwerden Alexander Stipsits CC BY-SA 4.0
Titelbild-Roger Ebert Statue Titelbild-Roger Ebert Statue Bordwall CC BY-SA 4.0

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