Unsere Zukunft liegt im ländlichen Raum (37. Internationale Sommergespräche 2021)

Welche ungenutzten Potenziale gibt es im ländlichen Raum? Wo und vor allem wie möchten wir leben? Und welche Bilder des Waldviertels haben sich längst überholt?

Wissenschaftsjournalist Mag. Martin Haidinger führt durch die Diskussion „Unsere Zukunft liegt im ländlichen Raum – Chancen für das Waldviertel“ und stellt fest, dass der Titel der Diskussion keine Frage ist, vielmehr eine Feststellung. Ob sich das wirklich bewahrheitet, möchte er die Experten am Podium beantworten lassen.

Univ. Prof. Dr. Christian Hanus ist Dekan der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur der Donau-Universität Krems. Bei seinem Referat „Zukunft Waldviertel – Rückeroberung der Vergangenheit“ möchte er offenlegen, was früher besser funktioniert hat und Vorzüge des Waldviertels zeigen, die gegenwärtig unerschlossen sind. Strukturen haben sich im Waldviertel verändert, Bildbände dokumentieren kaum bewohnte Ortschaften und brachliegende Gaststätten und Fabrikareale. Was hat sich an den Rahmenbedingungen geändert? Welche Zusammenhänge gibt es? Das Waldviertel hat eine Vielzahl von Initiativen hervorgebracht, die international Anerkennung finden. Hanus fordert, das alte Wissen und die verloren gegangenen Potenziale wieder zu erschließen. Wir sollten jedoch nicht rekonstruieren, ohne zu revitalisieren.

Er erzählt in diesem Kontext von dem Projekt „Schule des Wiederaufbaus“: Er beschäftigt sich mit dem Wideraufbau der vom Erdbeben 2016/17 vollständig zerstörten Stadt Accumoli in Zentralitalien. Nicht nur die Baustrukturen, auch die Funktionen der Gebäude sind wichtig: Jedes Gebäude ist aus einem wichtigen Grunde entstanden.

Die Frage, welche Chancen und Risiken die heutigen Herausforderungen, wie beispielsweise die Klimawandelfolgen, die digitale Transformation und der gesellschaftliche Wandel für das Waldviertel bergen, behandelt Christian Hanus im Laufe seines Referats: Große Änderungen werden uns alle und auch die Positionierung des ländlichen Raumes betreffen. Auch die Covid-19-Pandemie hat neue Wechselbeziehungen zwischen urbanen und ländlichen Räumen bewirkt.

Mag. Christiane Dorothea Varga-Polzhofer arbeitet als Trend- und Zukunftsforscherin in Wien und beschäftigt sich als Autorin und Referentin mit den unterschiedlichen Facetten der Frage „Wie leben wir in Zukunft?“. Sie benennt ihr Referat „Stadt oder Land – wo liegt die Zukunft?“ und eröffnet ihre Ausführungen mit dem Satz „Die Welt ist im Wandel“.

Laut der Zukunftsforscherin befinden wir uns in einer fundamentalen Phase des Wandels in nahezu allen Bereichen unseres Lebens. Politische Systeme und traditionelle Machtstrukturen werden in Frage gestellt. Unsere Lebensstile werden immer individueller. Neue Wohn- und Arbeitsformen etablieren sich. Die Lebensart wird immer vielfältiger. Mit dem Virus kommt folgende Feststellung: „Nichts wird wieder so, wie es einmal war“.  Es hat Dinge sichtbar gemacht, die zwar vorher schon da waren, aber von vielen nicht wahrgenommen wurden. Die Digitalisierung sollte nicht nur als technologischer Prozess, sondern auch als sozialer wahrgenommen werden. Umso digitaler alles wird, desto größer ist auch wieder der Wunsch nach der analogen Welt.

Zuerst sollten wir die Frage beantworten, wie wir leben möchten, das wo ergibt sich laut Christiane Varga ganz von selbst. Die Identität von Orten wird immer wichtiger und definiert sich neu: Moderner Weitblick in Kombination mit lokalen Eigenheiten ist in Zukunft gefragt. Ländliche Entwicklungen werden durch flexible Arbeitsstrukturen wie Home-Office und Co-Working Spaces weiter vorangetrieben. Um mit den neuen Herausforderungen umgehen zu können, ist Kooperation gefragt. Alle Akteure müssen eng vernetzt zusammenarbeiten, wenn eine Region nachhaltig entwickelt und gestärkt werden soll.

Der akademisch geprüfte Regionalmanager Josef Wallenberger verlangt alles zu vergessen, was man glaubt über das Waldviertel zu wissen. Er möchte bei seinem Referat „Next Generation Waldviertel – Das Ende vom ländlichen Raum, wie wir ihn kannten“ alte Bilder des Waldviertels aufbrechen, die zum Teil auch noch in den Köpfen der Entscheidungsträger der Region vorhanden sind.

Das Klima im Waldviertel ist gesund, die Luft ist frisch. Das Waldviertel ist keine Abwanderungsregion. Es gibt mehr Zuzug als Wegzug im Waldviertel. Die Personen, die am häufigsten zuziehen, sind zwischen 28 und 34 Jahre alt. Wichtige Motive sind Sicherheit, Natur und leistbarer Wohnraum. Das Problem der Region ist nicht die Abwanderung, sondern die Alterung der Gesellschaft. Durch den Zuzug gibt es jedoch am Beginn der Bevölkerungspyramide wieder positive Tendenzen.

Das Waldviertel ist zudem einer der unterschätztesten Wirtschaftsstandorte. Das Kernproblem ist jedoch der Arbeitsmarkt. Aufgrund der demografischen Situation und der Abwanderung in der Vergangenheit gibt es mehr offene Stellen als Arbeitssuchende im Waldviertel. Die Unternehmen im Waldviertel sind klein strukturiert, weshalb das Waldviertel auch gut durch die Krise gekommen ist.

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Unsere Zukunft liegt im laendlichen Raum Wolfgang Müller 1

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