Die Macht der eigenen Gedanken

Meditieren auf Berg in Thailand

Als ich vor zwei Jahren das erste Mal nach Indien kam, begegnete mir der folgende Satz während der ersten Monate immer wieder: „You have to learn to control your mind.“ – Lerne, deine Gedanken zu kontrollieren. Wie ein Mantra begleitete mich dieser Satz auf Schritt und Tritt. Und das hatte definitiv Gründe.

Bevor ich meine Reise antrat, war ich voller Ängste. Die letzten Wochen vor meiner Abreise war ich ein einziges Nervenbündel. Ich grübelte viel darüber nach, was alles schiefgehen könnte. Meine Gedanken kreisten immer wieder um sich selbst. Das Schlimmste an diesem Gedankenkarussell war allerdings, dass die meisten dieser Stimmen in meinem Kopf nicht meine eigenen waren. Ich hatte sie von meinem teilweise kritischen und besorgten Umfeld unbewusst übernommen. Negative Gedanken in Dauerschleife waren die Folge. Wie gut, dass ich mich dann trotzdem ins Flugzeug gesetzt und somit den ersten Stein meiner Langzeitreise gelegt habe.

Meine erste Nachtbusfahrt in Indien, die mich in die Berge des unteren Himalaya brachte, dauerte 18 Stunden und war eine nervliche Tortur. Ich war nervös und mental aufgedreht, und da waren diese Stimmen in meinem Kopf, die permanent meine Ängste und Zweifel wiederholten. Ich bekam natürlich kein Auge zu während dieser Nacht, weil ich mich in Grübeleien über die steilen, nicht abgesicherten Bergstraßen und den verrückten indischen Straßenverkehr verrannte. Neben mir saß eine ältere, indienerfahrene Engländerin. Sie bekam meine mentalen Ängste natürlich sofort mit, woraufhin sie mir zuflüsterte: „You have to learn to control your mind.“ Sie lächelte mich dabei verständnisvoll an und erkannte: Meine Reise hatte gerade erst begonnen und war noch lange nicht vorbei.

In den kommenden Wochen und Monaten wurde mir immer klarer, wie wichtig diese Worte in meinem eigenen Leben tatsächlich waren, auch wenn ich sie früher oft nicht wahrhaben wollte. Es fiel mir natürlich weiterhin schwer, im indischen Straßenverkehr meine Gedanken ins Positive zu kontrollieren, geschweige denn, eine richtige Vorstellung davon zu haben, wie das eigentlich umzusetzen sei mit der nachhaltigen Gedankenkontrolle. Mir fehlte außerdem der persönliche Bezugspunkt und eine gute Technik dazu.

Ich fand diesen Bezugspunkt dann später in der indischen Yogaphilosophie und in der Meditation. Und selbstverständlich in all den Ungewissheiten und nicht voraussehbaren Situationen, auf die ich unvorbereitet traf und die oftmals sofortige Entscheidungen verlangten.

Endgültig fand ich meinen persönlichen Bezug und die Wichtigkeit darin, meine Gedanken konstruktiv zu kontrollieren, als ich an einem zehntägigen Meditationskurs in einem buddhistischen Zentrum in Nordindien, Dharamsala, teilnahm. Dies geschah während des dritten Monats meiner Reise und öffnete viele Türen in meinem Kopf, die ich bis dahin ungeahnt verschlossen hatte.

Durch die Auseinandersetzung mit den buddhistischen Lehren und das Eintauchen in die Meditation, eingebettet in Ruhe und ohne jegliche Kontaktaufnahme mit anderen, passierte viel mit mir. Ich hatte persönliche Erkenntnisse und stellte Verknüpfungen in meinem Leben her. Mir wurde klar, warum es so wichtig für mich war, zu lernen, die eigenen Gedanken zu beobachten.

Ich begann zu erkennen, wie ich mir aus den eigenen Gefühlen und Gedanken meist automatisch ein riesiges Konstrukt im Kopf errichtete, meine eigenen Geschichten entwarf und diese dann für die absolute Wahrheit hielt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich damit leider häufig eigene Gefängnisse im Kopf erbaut und sich selbst und andere in Schubladen steckt, aus denen es schwer ist, wieder herauszukommen.

Die intensive Beschäftigung mit den buddhistischen Lehren und der Meditation während dieser zehn Tage zeigte mir, wie destruktiv meine Gedanken häufig sind, und dass ich lernen kann, mir von ihnen nicht mehr das Leben diktieren zu lassen, indem ich ihnen eben nicht mehr selbstverständlich folgen muss.

Dieser Prozess ist definitiv nicht leicht. Wenn man aus einem Meditationskurs mit den besten Voraussetzungen für persönliche Kontemplation kommt, dann ist man erstmal voller Optimismus, ab sofort sein Leben umkrempeln zu wollen. Aber so schnell geht das leider nicht, wie mir schnell klar wurde. Wenn man am ersten Tag danach bereits die alten „Fehler“ begeht, indem man zu viel denkt, verurteilt, ablehnt und negative Gefühle empfindet, sollte man sich dafür nicht selbst verurteilen. Denn es ist ja nun eine ganz bedeutende neue Komponente hinzugekommen:

Das Bewusstsein und das Wissen darüber, dass man es selbst in der Hand hat. Und dass es zu Beginn auch schon genug ist, einfach nur zu beobachten: sich selbst mit allen seinen Reaktionen und Gedanken.

Meditation ist natürlich die beste Methode, um dies immer besser zu verstehen und praktizieren zu können. Und am besten fängt man genau da an, wo man sich gerade befindet und mit dem, was man in seinem Leben gerade einrichten kann. Fünf Minuten am Tag sind für einen Anfänger schon besser als gar nichts, und mit der Zeit wird dieser Zeitraum immer länger werden, wenn man die Kraft dieser simplen Technik für sich erkannt hat.

Meditieren ist nicht einfach, weil man meist zu viele Erwartungen an sich selbst stellt. Aber es geht nicht darum, nichts zu denken, sondern sich darüber bewusst zu werden, DASS man denkt. Der erste Schritt ist, zu erkennen, wie sich Gedankenprozesse meist von allein in Gang setzen, und dann lernen, „Stop“ zu sagen und eine Pause zu machen, bevor der Kopf wieder auf den nächsten Gedankenzug aufspringt.

You have to learn to control your mind“ – dieser Satz ist inzwischen zu einer positiven Ermunterung für mich geworden: Du hast die Möglichkeit, klarer, freier und vor allem glücklicher zu denken und zu leben. Wir Menschen sind so viel mehr als nur unsere Gedanken, Urteile, Wertesysteme und impulsiven Gefühle. Und auch wenn manche Gedanken und Gefühle eine große Bedeutung und Wichtigkeit für mich haben mögen, kann ich die kleinen Pausen und Momente dazwischen erkennen und meinem Kopf eine Auszeit geben.

Und dann ist es an der Zeit, tief durchzuatmen und mir bewusst zu machen: Ich bin nicht meine Gedanken, manche Dinge habe ich einfach nicht in der Hand und kann sie nicht im Kopf vorausplanen. Und dabei hilft es ungemein, zu wissen, dass ich die zweifelnden und negativen Stimmen in meinem Kopf getrost ziehen lassen kann.

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Meditieren auf Berg in Thailand Meditieren auf Berg in Thailand Lisa Dau CC BY-SA 4.0

Diskussion (Ein Kommentar)

  1. […] entdeckte ich zeitgleich die Lehren des Buddhismus für mich. In meinem vorigen Artikel „Die Macht der eigenen Gedanken“ schrieb ich bereits über die Bedeutung, die Meditation für mich bekommen hat, und wie mir das […]