Webgiganten als Medienplattformen: Gefahr oder Chance für Journalismus?

webgiganten

Veranstaltungsdaten

Datum
14. 3. 2016
Veranstalter
Friedrich Funder Institut
Ort
Management Club Wien
Veranstaltungsart
Podiumsdiskussion

Podium:

Martin Gaiger, Telekurier

Lisa Stadler, der Standard.at

Gerold Riedmann, Vorarlberger Nachrichten/Russmedia

Sebastian Loudon, Zeit Österreich

Moderation: Dinko Fejzuli, Medianet

 

Lisa Stadler sieht instant articles als Vorteil für die werbenden Kunden von Medienplattformen, da sie ihre Reichweite mit Facebook erhöhen können. Da die Inhalte dabei auf Facebook-Servern (und nicht mehr auf Servern des Medienhauses) gespeichert werden, verlieren die content-Erzeuger an Kontrolle und Sichtbarkeit (bei hunderten Anbietern geht das eigenen Logo schnell unter). Hinzu kommt noch der Filter der Algorithmen, über die Facebook & Co bestimmen. Wird hier nur trash gepushed, dann ist es schwierig, für kompliziertere Inhalte Reichweiten zu erzielen.

Will man einfache Inhalte verbreiten, wie zb das Magazin Miss vom Styriaverlag, funktioniert das bestens über Facebook. Bei Qualitätsjournalismus ist das schwieriger, unter anderem auch deshalb, weil die Medienhäuser noch nicht gelernt haben, ihre hochwertigen Artikel gut zu verkaufen (Aufmachung, Bilder etc). Oft wird an den falschen Stellen gespart, was bis zu Arbeitsniederlegungen führt.

70% der Jugendlichen konsumieren content online. Die Branche wird sich dem Publikum anpassen müssen und die Artikel dementsprechend aufbereiten, um diese Zielgruppe anzusprechen.

Stadler sieht im Auftreten der Webgiganten sowohl eine Chance, als auch ein Risiko: die Kontrolle über  Inhalte ist gefährdet, und man müsse Bewußtsein bei Usern schaffen, daß Facebook immer nur Ausschnitte darstellt. Wenn man direkt auf die Plattform des Mediums geht, hat man Anonymität, keine cookies die einen ausspionieren und ausführlichere Artikel. Vielleicht läßt sich über diese Bewußtseinsbildung („erziehen des users“) für die Medien langfristig auch Geld verdienen.

Gerald Riedmann sieht im Kontrollverlust die größte Gefahr. Auch deshalb, weil Facebook seine eigenen Richtlinien festlegt, welche Inhalte gepostet werden dürfen, und welche gelöscht werden. Er erwähnt als Beispiel nippelstatthetze.

Riedmann sieht in den letzten Jahren eine Fastenzeit der Medienbranche, die dazu führte, daß man sich wieder auf die wichtigen Dinge konzentrieren muß. Die Diskrepanz zwischen mobilen Anfragen der User (50%+) und mobilen Umsätzen durch Werbekunden (5%) ist riesig. Mit den instant articles kann diese Lücke möglicherweise geschlossen werden.  Im Jahr 2016 sei es jedenfalls unerläßlich, daß die angestammten Medienhäuser ihre Inhalte auf viele Plattformen bzw Distributionskanäle bringen, denn man muß den Kunden dort abholen, wo er sich aufhält. Dennoch müsse die Konzentration auf den Inhalten liegen, und nicht auf den Kanälen. Am besten sei es jedenfalls , wenn man Printzeitung und Onlineauftritt komplett trennen würde, und der online-Bereich seine Premium-Inhalte nicht auf Facebook stellt.

Während Facebook die Erträge, die Onlinemedien dank der Kooperation mit Facebook über ihre Plattformen generieren, zu 100 Prozent dem Partner überläßt, strebt Google eine 70/30 Teilung an. Auch er meint, daß man an der User-Loyalität arbeiten muß.

Wichtig ist die Intention der Eigentümer. Wenn man sich Vorabgewinne ausschütten läßt, dann verfolgt man andere Ziele, als wenn man aus offensichtlich im Absteigen befindlichen, aber noch profitablen Zweigen, finanzielle Mittel in Bereiche transferiert, die zukunftsträchtig erscheinen.

Am Beispiel von Wann & Wo, einem Print-Format aus eigenem Hause, veranschaulicht Riedmann, daß die analoge Zeitung immer noch funktioniert, auch bei jungen Generationen. In Vorarlberg hat das Magazin,das er als „gedrucktes Facebook“ bezeichnet, unter Jugendlichen eine Reichweite von 52%. Jugendliche haben zu allen Zeiten selten eine klassische Zeitung gelesen, das sei kein neuer Trend. Da wir uns noch in der Steinzeit des mobilen Zeitalters befinden, ist die weitere Entwicklung der Medien völlig offen.

Zeitungsausschnitte auf facebook zu teilen sei weiterhin beliebter, als screenshots – „das stand in der Zeitung“ hat für viele Menschen immer noch einen eigenen Stellenwert.

Angesprochen über die Rolle der Medien als vierte Macht im Staat, führt er als Beispiel pro publica, eine erfolgreiche, unabhängige amerikanische Online-Journalistenplattform an. Es gilt, die Mitarbeiter zu schulen, auch in den zusätzlichen Anforderungen des Journalismus heute: Fotos machen, kleine Videos drehen, bloggen, twittern etc. Dabei darf man aber nicht die Grundfunktionen des Journalismus aus den Augen verlieren.

Die große Gefahr bei den Webgiganten sieht er darin, daß sie Algorithmen verwenden, die sich dem user anpassen und dadurch als riesige Scheuklappen fungieren: denn je mehr der user den Algo mit seinen Daten/Anfragen füttert, desto genauer trimmt dieser die Informationen, die er zum user durchläßt, auf diesen zu.

 

 

Martin Gaiger, der im online-Bereich bereits viele berufliche Stationen durchlaufen hat, will die User dort abholen, wo sie lesen. Telekurier hat 60% direkte user (Zeit online 70%), nur 25% kommen über Suchmaschinen zur website (Focus online in Deutschland setzt vor allem auf die Suchmaschinen).Das Team nutzt 23 digitale Distributionswege und allerlei Präsentationsformen (teaser, link, Artikel etc). Die größte Gefahr sei der Markenverlust, denn bei hunderten Anbietern, mit denen man weltweit konkurrieren muß (und nicht nur landesweit, wie meist beim Print), sei es schwierig, sich als Marke zu etablieren, vor allem wenn Facebook und Google den Aushang übernehmen. Die Monetarisierung des online-Marktes sieht er als große Herausforderung – Formate zu finden, für die Leser bezahlen, sei äußerst schwierig.

Als Test hatte Telekurier in der Redaktion eine Videowall installiert, wo man sah, wie der usertraffic darauf reagiert, wenn man den Artikeltitel oder bestimmte Inhalte veränderte. Dieses Wissen kann bei den Journalisten allerdings eine gefährliche Rückkoppelung auslösen, die gerade im kritischen Journalismus nicht zu unterschätzen wäre. Clickbaiting eignet sich vor allem für einfache Inhalte wie die berühmten listicles „10 Fotos, die die Welt verändert haben“. Je blöder, desto Facebook ist ein Trend, der sich aktuell ablesen läßt.

Die Medienbrache hat sich in den letzten zehn Jahren so stark verändert, wie noch nie zuvor. Die Evolution ist in vollem Gange, es läßt sich schwer abschätzen, welche der heutigen Spielarten in zehn Jahren noch am Leben sein werden. Grundsätzlich ist es für jede Zeitung wichtig, wie sie sich weiterentwickeln will, inklusive der Anpassung an die neue Mediennutzung. Die Rettung kann allerdings nicht sein, das Konzept einer Printzeitung 1:1 auf ein online-Medium zu übertragen, das wird scheitern. Die Verbindung zwischen online und print (selbst wenn sie in einem Medienhaus vereint sind) wird abnehmen. Allerdings kann man von den neuen Medien sicher auch etwas für die Gestaltung/Werbung/Strategie von Printmedien lernen.

Die von Riedmann zurecht angesprochenen Scheuklappen bei den Webgiganten sieht Gaiger in seinem Haus als durchbrochen: die Inhalte im Telekurier werden weiterhin von Journalisten angefertigt (weder Google noch Facebook beschäftigen diesen Berufszweig). Als Optimist sieht er die Herausforderung durch die Großkonzerne eher als Chance denn als Risiko.

Auch Sebastian Loudon sieht das Markenproblem in Zeiten der globalen Konkurrenz gegeben. Dem kann man entgegenwirken, wenn man eine eigene Tonalität entwickelt, zb Inhalte mit Humor verpackt. Wenn man als Journalist einen Artikel verfaßt, der von Armin Wolf getweetet wird, hat man sofort eine große Reichweite und wird, wenn man neue Inhalte verfaßt, dazu verleitet, diese in ähnlicher Form zu präsentieren und ähnliche Kanäle zu verwenden, um wieder einen Reichweiten-(und damit Werbe-)Erfolg einzufahren.

Er beschreibt den Titel der Diskussion mit einer Analogie: der Besitzer eines Sechssternehotels (Facebook) lädt die Animateure (Journalisten) ein, an seinem Pool die Leute zu unterhalten. Der Ertrag der Animateure ist, daß sie Werbung für die Bar um die Ecke (das eigene Onlinemedium) machen dürfen.

Für bestehende Medien sieht er in der heutigen Zeit große Herausforderungen. Die meisten Medien befinden sich in einer gewissen Unordnung, sie wollen überall dabei sein, ohne sich langfristig zu überlegen, ob man mit der einen oder anderen Strategie eine Wertschöpfung generieren kann. In diese Bereiche wird viel Energie investiert, zu Lasten des Bereichs, der immer noch die höchste Wertschöpfung hat: das Printmedium.

Für neu gegründete Medien ist die heutige Situation hingegen eine immense Chance, da man kaum mehr in Infrastruktur investieren muß und auch sonst nur geringe Kosten zu tragen hat. Er würde keinen Blog mehr starten, sondern direkt auf Facebook posten.

Loudon erzählt über ein Interview mit Mario Garcia, der neben Printmedien auch zahlreiche Webauftritte von Firmen begleitet hat, und der ihm erklärte, was heutzutage alles von einem Journalisten erwartet wird: neben einem Tweet vor dem Interview die dazugehörigen Fotos schießen, ein kleines Video für den Blog, danach eine Kurzzusammenfassung für die eiligen Leser, ein ausführliches Dossier für die Interessierten, eine Stellungnahme für etwaige andere Medien … und das in möglichst kurzer Zeit. Daß dies zu Lasten des Inhalts geht, ist langfristig nur zu vermeiden, wenn man in Personal investiert.

Er sieht den Markt für Printmedien auch in Zukunft gegeben, der Rhythmus wird sich allerdings anpassen müssen (wöchentlich, monatlich etc). Es wird weiterhin eine Leserschaft geben, die auf ausführliche und auf Folgeartikel wartet.

Der kritische Journalismus steht heute in einem ganz anderen Raum als früher, als der Journalist meist derjenige war, der Themen gesetzt bzw zurückgehalten hat (Privatleben von Politikern etc). Heute steht jedem diese Möglichkeit offen. Edwards Snowden bediente sich zB des unabhängigen Journalisten Glenn Greenwald, um seine Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Journalisten sind heute eher als Kuratoren anzusehen.

Facebook und Google sieht er (in einer weiteren Analogie) als großen Hund, der auf einen zuläuft, und man weiß nicht, ob er einen beißen will oder nur abschlecken. Aber – wie beim Hund – ist es am Besten, keine Angst zu zeigen.

 

ebook: Was sich 2016 im Content-Marketing verändern wird.

Credits

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webgiganten webgiganten Wikimedia CC BY-SA 3.0

Diskussion (Ein Kommentar)

  1. möglichkeiten zum ausstieg aus der bubble (technische scheuklappen)

    1. Google nicht verwenden.
    2. Suchanfragen streuen. Hat man früher auch gemacht, die Ergebnisse sind brauchbar.
    3. Alternativen: https://prism-break.org/de/all/#web-search
    4. Weitere Alternative – selbst einen sicheren Suchserver betreiben: https://asciimoo.github.io/searx/ oder eine/mehrere der instanzen von searx benutzen: https://github.com/asciimoo/searx/wiki/Searx-instances