Was schenken wir unseren Kindern? – #02: Resilienz

LebensweltenPädagogik neu gedacht

Resilienz oder auch seelische Widerstandskraft ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir unseren Kindern schenken können. Sie ist zwar teilweise vererbt, aber das elterliche Verhalten kann sie massiv verstärken oder schwächen. Die Erziehungsempfehlungen von Frau Dr. Haarer (siehe meinen letzten Beitrag „Was schenken wir unseren Kindern?“), die von der Anwendung von Strafen, bewusstem Ignorieren, Angst, Bloßstellen, Erniedrigungen, verbaler Gewalt, Distanz und sogar Schlägen gekennzeichnet waren, zielen unter Garantie nicht darauf ab, Widerstandsfähigkeit beim Kleinkind zu stärken und somit lebenslang in psychisch herausfordernden Situationen auf innere Ressourcen zurückgreifen zu können.

Chronologie der Theorien kindlicher Entwicklung
So sehr mir Haarers Erziehungstipps widerstreben, so muss man chronologisch in der Zeit zurückgehen und die Parallele sehen, dass Haarer ihre Ausbildung zu einem Zeitpunkt begann, also etwa ab 1920, zu der Sigmund Freud seine Triebtheorie ausarbeitete (ab ca. 1905 bis 1920) und sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach daran orientierte. Laut Freud erfolgt die Bindung des Säuglings an die Mutter durch die Triebbefriedigung beim Stillen. Mit anderen Worten: er sah den Hungertrieb bzw. dessen Befriedigung als maßgebliche Basis zwischen Mutter und Kind.

Renè Arpad Spitz
Der etwa 30 Jahre später als Freud in Wien geborene René A. Spitz, war der erste, der sich mit der systematischen Erforschung der Psychologie im Säuglingsalter befasste. Die kognitive Entwicklung des Säuglings basierend auf der Sozialbeziehung zu seiner Mutter war der Fokus seiner Arbeit, wobei er das Hauptaugenmerk auf die menschliche Kommunikation und die Mutter-Kind-Beziehung im ersten Lebensjahr richtete.

Seine Untersuchungen zeigten, dass Kinder, deren Beziehung zur Mutter durch (mit Freundlichkeit überdeckter) Ablehnung des Kindes, einem Wechsel zwischen Feindseligkeit und Verwöhnen, aber auch durch Überfürsorglichkeit geprägt ist, verschiedene psychische oder auch psychosomatische Störungen entwickeln können.

Harry Harlows Rhesusäffchen
1957 stellte Harlow in seinen ethnologischen Studien mit Rhesusaffenbabys fest, dass die Mutter-Kind-Bindung sogar im Tierreich nicht nur auf der Befriedigung des Hungertriebs basiert. Ein Äffchen wurde in einem Käfig mit zwei „Müttern“ aus Drahtgestell gehalten. Die eine „Mutter“ hatte eine Vorrichtung, aus der das Äffchen jederzeit Milch saugen konnte. Das zweite Drahtgestell war mit Stoffen überzogen, sodass es sich weich anfühlte. Das Äffchen verbrachte im Durchschnitt täglich etwa 4 Stunden beim Milch-Drahtgestell während es sich etwa 17 Stunden beim Stoff-Drahtgestell aufhielt.

Die Ursprünge der Bindungstheorie
Aufgrund der Erkenntnisse zu der Rhesusäffchen-Studie einerseits, andererseits aber auch beeinflusst von den Deprivationsstudien von René Spitz, wandte sich Bowlby immer mehr von den traditionellen psychoanalytischen Modellen ab und fühlte seine eigenen klinischen Beobachtungen von Gefühllosigkeit bei einigen Kindern und Jugendlichen als Auswirkung von Trennungstraumata bestätigt.

Nachdem die WHO Bowlby nach dem 2. Weltkrieg beauftragt hatte, die psychische Entwicklung von Kriegswaisen zu erforschen, fasste er seine Arbeiten in dem Buch „Maternal Care and Mental Health“ zusammen und zeigte darin die negativen Folgen mangelnder mütterliche Fürsorge auf.

Bowlby kam zu dem Schluss, dass Babys ein angeborenes Bedürfnis nach Nähe, Schutz und Zuwendung haben, sprich nach Bindung an eine vertraute, fürsorgliche Bezugsperson. Das Verhaltensrepertoire des Säuglings dient dazu, die gesuchte Nähe seinem Bedürfnis entsprechend immer wieder herstellen zu können. Wenn nun, nach der Empfehlung Haarers, das Weinen, Nachlaufen oder Festklammern an der Mutter gewaltsam unterbrochen oder ignoriert wird und dem Kind damit die notwendige Nähe entzogen wird, so zeigen sich verschiedene Stufen der Trauer darüber wie Protest, Ärger, schließlich Verzweiflung, später Resignation und sogar Apathie. All das sind Formen von negativem Stress.

Der Faktor Stress
Stress ist nicht nur ein Gefühl, das bestimmtes Verhalten auslöst. Stress ist körperlich messbar, weil dabei der Hypothalamus aktiviert und das Hormon Cortisol ausgeschüttet wird, das mit einem einfachen Spucktest mit Hilfe eines Wattestäbchen abgenommen werden kann.

Ein Baby, das Stress ausgesetzt ist, kann sich nicht selbst regulieren. Es braucht das Gefühl des Schutzes einer liebevollen Bezugsperson, damit es den Stress abbauen und in einen angenehmen Entspannungszustand zurückgelangen kann. Rein körperlich wird beim Beruhigen, Halten und Liebkosen des Babys der Glucocorticoid Rezeptor aktiviert. Seine Funktion ist, das Cortisol zu binden. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Kinder fürsorglicher Eltern stressresistenter sind als vernachlässigte Kinder, die in Stresssituationen allein gelassen werden.

In der einen oder anderen Situation alleine gelassen zu werden, ist schlimm für ein Baby. Die Situation kann aber noch verschlimmert werden, wenn das Kind sich daran gewöhnt, dass es trotz Weinen oder Protest sich selbst überlassen bleibt – auch eine Erziehungsempfehlung Dr. Haarers. Sein Wunsch nach Bindung wird ignoriert, es erfährt die dringend notwendigen Gefühle von Schutz und emotionaler Sicherheit nicht oder nur selten. Dieses Gefühl wird somit zum Normalzustand, denn was wir von Anfang an kennen, erachten wir als das Richtige. Der Grund, warum das so ist, ist die Art des Lernens in diesem Alter, die ab etwa 6 Wochen bis 7 Monate Präferenzlernen genannt wird. Gemeint ist, dass das, was dem Baby vertraut ist, bevorzugt wird, wie etwa der Geruch die Stimme und die Gesichtszüge der Mutter. Häufig vorkommende Reize und Situationen prägen sich ein. Ist es das Gefühl von Zuneigung, Wärme, Fürsorge, Schutz und Liebe, so entwickelt das Kind Widerstandskraft und Stressresistenz. Sind es in erster Linie negative Stimuli, wie unbegleitete Stresssituationen, zu wenig Nähe, Schmerz, Angst und Vernachlässigung, wird das irgendwann vom Baby als normal und sogar als positiv empfunden, denn es kennt ja nichts anderes. Es kommt in diesem Fall zu einer falschen Prägung.

Eine Studie mit Jungtieren zeigt auf, dass es einen großen Unterschied macht, von wem der Stress ausgeht. Dass bei Stress der Hypothalamus reagiert, wurde oben erklärt. Ist es aber die Bezugsperson des Babys selbst, die dem Kind gegenüber Stress auslöst (etwa durch Strafe, Schläge, Liebesentzug oder ähnliches), so wird zusätzlich noch die Amygdala aktiviert. Sie ist das Zentrum für Angst im limbischen System des Säugetiergehirns. Sie ist bei menschlichen Babys viele Monate lang nicht ausgereift, befindet sich eher in einer Art schlafendem Zustand. Reift sie aufgrund von negativem Verhalten durch die Bezugsperson frühzeitig, spiegelt sich das im Sozialverhalten des Kindes und kann bis hin zu Traumatisierung führen.

Die sichere Bindung
Das gewohnte elterliche Verhalten bildet also die Basis der Eltern-Kind-Bindung. Dazu wurden von Bowlby ursprünglich drei, später vier verschiedene Bindungsqualitäten beschrieben. Dabei gibt es eine Art der sicheren Bindung und drei Arten unsicherer Bindung. Für Fachleute ist es essenziell, auf diese verschiedenen Arten einzugehen. Für diesen Beitrag führe ich aber nur die Merkmale einer sicheren Bindung an, weil sie die einzig Erstrebenswerte ist. Um diese Kriterien herausfinden zu können, wurde von Bowlby und seiner Assistentin Ainsworth ein Verfahren zur Ermittlung der kindlichen Bindungsqualität geschaffen, das „die fremde Situation“ hieß.

Im Beobachtungsmittelpunkt steht das spontane Reaktionsverhalten des Kindes auf die Rückkehr der Mutter nach einer kurzen Trennungsphase. Mit Hilfe eines Klassifikationssystems zeigt sich daran die Bindungsqualität des Kindes zur Mutter. Sicher gebundene Kinder sind im Beisein ihrer Bezugsperson entspannt. Während der Trennungssituation lassen sie sich kaum von fremden Personen ablenken oder trösten. Sobald die Bezugsperson wieder da ist, wird das Kind ruhig und sucht kurz wieder ihre Nähe und Zuwendung, dann ist das Bindungsbedürfnis durch die sichere emotionale Basis wieder befriedigt. Sobald sich das Kind wieder sicher fühlt, verspürt es einen Drang, seine Umwelt zu erkunden, was „Explorationsverhalten“ genannt wird. Sicher gebundene Kinder können in ihren entspannten Phasen die Welt besser erforschen, erhalten mehr soziale und kognitive Reize und lernen folglich besser und schneller. Das Explorationsverhalten bleibt so lange aktiv, bis das Kind müde oder hungrig wird, sich weh tut, die Bezugsperson den Raum verlässt oder eine andere Stresssituation eintritt. Dann setzt das Bindungsbedürfnis sofort wieder ein. Aufgrund dieses Wechselspiels ermöglicht ein sicheres Bindungsverhalten nicht nur das kindliche Überleben, sondern auch die gesunde physische und psychische Entwicklung des Kleinkinds.

Gelungene Bindung im Alltag
Wie eine sichere frühkindliche Bindung gelingt, beschreibt Nora Imlau in ihren Büchern, die in den letzten Jahren maßgeblich zum besseren Verständnis von Kleinkindern beigetragen haben, denn eine sichere Eltern-Kind-Bindung aufzubauen, ist weit leichter als erwartet. Es braucht viel Liebe, etwas Geduld, Freude an der Elternschaft, ein großes Misstrauen allen Erziehungstipps gegenüber, die sich nicht am Kindeswohl orientieren, etwas Empathie um sich ins Kind einzufühlen und ein Im-Voraus-Reflektieren, wie man sich selbst bei dieser oder jener Verhaltensweise fühlen würde sowie ein paar Reißzähne, um die Würde des Kindes gegebenenfalls nach außen zu verteidigen. Außerdem braucht man eine Wohnung, die mit ein paar gemütlichen Schmuseecken ausgestattet ist, ein großes Bett und viele Pölster, damit die ganze Familie nach Herzenslust kuscheln kann, denn auf diese Weise bildet sich ganz viel Oxytocin.

Oxytocin ist ein Hormon, das nicht nur beim Geburtsprozess eine Rolle spielt, in dem es die Gebärmutter kontrahieren lässt und dadurch die Wehen auslöst, aber auch den Milcheinschuss steuert. Sobald die Haut ein wohliges Gefühl wahrnimmt, meldet sie Wohlbefinden an den Hypothalamus, der Oxytocin bildet. Dieses reguliert den Cortisollevel und sorgt für Entspannung und Wohlbefinden. Deshalb spielt es so eine große Rolle in zwischenmenschlichen Beziehungen, verstärkt das Vertrauen und fördert die Bindung zueinander.

Korrelation Oxytocin und Resilienz
Im Mutterleib erfahren wir schon, wieviel Stress wir ausgesetzt sein werden, wobei nicht nur der Stress, den die Mutter empfindet, entscheidend ist, sondern auch Autofahren, Flugreisen, Ultraschalluntersuchungen und vieles mehr. Alles Einflüsse, die früher gar nicht oder kaum eine Rolle spielten.

Nun ist es nicht so, dass das Kind je resistenter gegen Stress wird, desto mehr es ihm in der Schwangerschaft ausgesetzt war. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder widerstandsfähiger sind, wenn sie als Embryo viel Ruhe gewohnt waren. Die Fürsorge der Eltern setzt also idealerweise schon an, sobald die Schwangerschaft bekannt ist, denn vernachlässigte Kinder oder solche, denen zu viel zugemutet wurde, zeigen höhere Stressreaktionen als liebevoll umsorgter Nachwuchs. Die Folgen von Vernachlässigung können auch im Erwachsenenalter schwer abgelegt werden und führen dazu, dass traumatisierte Eltern sich wiederum weniger gut um ihr Baby kümmern können als psychisch stabile Menschen und die Vernachlässigung sich auf diese Weise über Generationen fortsetzen kann.

Widerstandsfähigkeit und sichere Bindung im Außen

Immer mehr Kinder kommen heute immer früher in Fremdbetreuung. Auch dort spielt die sichere Bindung und die Stressresistenz eine wichtige Rolle, weil Kinder, die gute Bindungserfahrungen aus der Familie kennen, legen diese auf andere Betreuungspersonen beispielsweise in Krippe und Kindergarten um.

Sicher gebundene Kinder reagieren in der Regel positiv auf das Angebot der Pädagoginnen, sie in die Gruppe aufzunehmen, weil ihnen das Gefühl von Bindung und Feinfühligkeit vertraut ist, oft wird sogar vorsichtiger Körperkontakt eher angenommen. Sie sind insgesamt offener, neue Beziehungen einzugehen. All diese positiven Erfahrungen werden als sogenanntes Inner Working Modell verankert, bleiben ein Leben lang erhalten und wirken sich sogar später auf Schule, Lernerfolg und das zukünftige Berufsleben aus.

Credits

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PNG – 015-YOUTUBE-PC Wolfgang Müller CC BY SA 4.0

Diskussion (Ein Kommentar)

  1. Ein wieder ganz großartiger Beitrag, in dem man sich sowohl in der Kindrolle als auch der Mutterrolle wieder findet.