Österreich in einem sich verändernden Europa – Im Gespräch mit Dr. Franz Vranitzky und Cornelius Obonya

Meinung

Unter der Moderation von Reporter-ohne-Grenzen-Präsident Dr. Fritz Hausjell nimmt sich der BSA dem schwierigen Thema, welche Rolle Österreich vor dem Hintergrund der Erosion des Opfermythos in einem sich verändernden Europa annehmen sollte, an. Gäste am Podium sind der ehemalige Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky und der Schauspieler Cornelius Obonya.

Rückblickend auf die Wahl von Dr. Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten 1986 stellt Vranitzky fest, dass die Vorbereitungen der politischen Parteien zu dieser Wahl dazu führen mussten, dass Waldheim gewählt wird. Sowohl die Strategie der SPÖ, darauf zu hoffen, dass Waldheim ob seiner Vergangenheit nicht gewählt wird und ständig nur auf diese hinzuweisen, als auch der Druck vom Ausland gegen Waldheim führten zu Trotzreaktionen beim Wähler. Sowohl in Österreich als auch im Ausland bildeten sich Pro- und Contra-Waldheim-Lager, erklärt Vranitzky.

Im Zuge einer Diskussion über den Jugoslawienkrieg und die dortigen Gräueltaten erinnerte Vranitzky in einer Rede im österreichischen Parlament im Juli 1991 daran, dass es derartige Verbrechen und Schlimmeres auch bei uns vor und während des 2. Weltkrieges gegeben hat, und dass manche Österreicher während der Zeit des Nationalsozialismus viel Leid über andere gebracht haben und es Zeit ist, sich dafür offiziell zu entschuldigen. Dies war der Anfang vom Ende des österreichischen Opfermythos. In mehreren Gesprächen konnte er Dr. Kurt Waldheim, der das Amt bis 1992 ausübte, nicht davon überzeugen, einzusehen, dass er sich klar von seiner Vergangenheit distanzieren müsse, um den Schaden für das Amt und für Österreich zu begrenzen.

Die Waldheimzeit war für den damals jungen Cornelius Obonya die wohl prägendste Zeit seines Lebens, jedenfalls was sein Engagement gegen Antisemitismus angeht. Für seine Mutter und ihn war sowohl die Wahl Waldheims, als auch die Rolle seiner Großeltern während der Nazidiktatur ein großes Thema. Seine Großmutter Paula Wessely benötigte viel Energie, um sich von dieser Zeit zu distanzieren. Er folgte dem Aufruf einer Mahnwache, nachdem es zu einer Schändung des Widerstandszeichens 05 am Wiener Stephansdom kam. Was er dort erlebte, beschreibt er im Folgenden. Neben der Einsicht, dass einige ältere Menschen von damals ihren Antisemitismus weiterleben wollten, wurde Obonya klar, dass sein Wissen um die damalige Zeit höchst rudimentär gewesen ist. Die Erlösung aus dieser Zeit war für ihn die oben erwähnte Rede von Vranitzky – denn plötzlich gab es eine öffentliche Haltung des österreichischen Staates, über die man offen diskutieren konnte – und auch über die angebliche Opferrolle Österreichs, die nun für alle sichtbar als Mythos überführt wurde.

Vranitzky war es auch, der 1986 die nach ihm benannte Doktrin, niemals mit einer rechtspopulistischen FPÖ unter Dr. Jörg Haider zu koalieren, einführte. Bis heute hat sich die SPÖ daran gehalten.

Ex-Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky koalierte laut Vranitzky mit der FPÖ in der Hoffnung, dass die liberalen Kräfte den deutschnationalen Flügel innerhalb der FPÖ zurückdrängen würden. Dies gelang jedoch nicht: 1986 verlor der liberale FPÖ-Vizekanzler Dr. Norbert Steger bei einem FPÖ-Sonderparteitag die Kampfabstimmung um den FPÖ-Parteivorsitz gegen Jörg Haider und der junge Kärtner Landesrat Haider übernahm die unter die 4% Hürde gefallene freiheitliche Partei.

Hätte es zu irgendeinem Zeitpunkt eine Mehrheit in der SPÖ für eine Fortsetzung der
SPÖ-FPÖ Koalition gegeben, dann wäre Vranitzky zurückgetreten, denn er hätte den Nachfahren und Überlebenden der Naziherrschaft nicht erklären können, wie man mit einer Partei koalieren könne deren Parteichef Haider sich vom Nationalsozialismus nicht ausreichend distanzieren kann. Dass Haider trotzdem von vielen Österreichern gewählt wurde, spornte Vranitzky an, das Vertrauen der Mehrheit zu bekommen, um diese Tendenzen in Schach zu halten. Die Sicht des Auslands auf Österreich spielt in den damaligen, wie auch den heutigen Überlegungen österreichischer Politik – leider – keine Rolle.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird die Haltung der ÖVP gegenüber der FPÖ (Stichwort Verfassungsbogen) ebenso beleuchtet, wie die fehlende Bildung über die damalige Zeit in unseren Schulen, die Notwendigkeit der Reform von Politik und Politikern im Angesicht schwieriger Krisen, die Boulevardisierung der Medien und ihre Konzentration auf klickbringende Inhalte, die beliebte Methode der Täter-Opferumkehr durch Autokraten und vieles mehr.

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BSA – Österreich in einem sich verändernden Europa Wolfgang Müller 1

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