Lockdown 2020

Im März 2021 fand im Rahmen der diesjährigen Rosa Luxemburg Konferenz eine Online-Diskussion mit den Autoren des Buchs „Lockdown 2020“ statt, dessen Hauptthema die Veränderung der Gesellschaft im Zuge der Bekämpfung des Coronavirus ist. Zu Beginn stellt der Publizist Stefan Kraft den inhaltlichen Aufbau des Buches kurz dar.

Für den Meinungs- und Jugendkulturforscher Prof. Mag. Bernhard Heinzlmaier zeigen die Ergebnisse diverser Studien zu Jugend & Corona, dass es „die Jugend“ nicht gibt: die Jugendlichen der Oberschicht scheinen von Corona kaum betroffen zu sein; jene der Mittel- und Unterschichten hingegen zeigen alarmierende Anstiege zB bei suizidalen Gedanken, wie auch die Studie der Donauuni Krems zeigt. Heinzlmaier sieht darin eine neoliberale Diskursstrategie: mit dieser auch medial verbreiteten Verallgemeinerung („Die Jugend tut dies, die Jugend tut das“) soll die bestehende Klassengesellschaft verschleiert werden. Statt eines Klassenkonflikts wird ein Generationenkonflikt inszeniert.

Ein Effekt der Coronakrise ist, dass sich das Leben retraditionalisiert: Junge bleiben länger im Elternhaus bzw gehen wieder dahin zurück; dabei gilt laut Studien: je geringer der gemeinsame Lebensraum, desto höher das Stresslevel. Im Lockdown fehlt den Jugendlichen der soziale Kontakt zu und der Vergleich mit den Gleichaltrigen, der ein essenzieller Bestandteil des Erwachsenwerdens ist. Die persönliche Zukunft wird in melancholischen Farben bezeichnet: Ziele werden als (noch) schwerer aber doch noch erreichbar wahrgenommen. Bei der gesellschaftlichen Zukunft sieht es noch düsterer aus: viele Jugendliche gehen von einem Untergang der Gesellschaft, wie sie sie kennen, aus. Die meisten Jugendlichen haben wenig Angst vor der Krankheit (wenn dann eher die Unterschichten – Stichwort Kaputtsparen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge), aber viel Angst vor den Maßnahmen der Regierung (wiederum vor allem in den beiden unteren Gesellschaftsdritteln – das obere Drittel identifiziert sich mit den staatlichen Maßnahmen). Auch die Angst vor Arbeitslosigkeit zeigt angesichts der Realität klassenspezifische Unterschiede: während die Arbeitslosenrate von Akademikern in der Krise kaum zugenommen hat, ist sie in der Unter- und Mittelschicht explodiert. Zusammengefasst sind die Abstiegsängste im Jugendbereich dramatisch gestiegen.

Das stark aufflammende Österreichbewußtsein ist ein Beispiel für die coronabedingte Spaltung der Gesellschaft: während das obere Gesellschaftsdrittel weiterhin neoliberal-kosmopolitisch eingestellt und von der Krise nur peripher betroffen ist, sieht sich die Mehrheit der Gesellschaft durch Globalisierung und Coronamaßnahmen großen Gefahren ausgesetzt. So lässt sich auch der unterschiedliche Grad der Unterstützung der Regierungsmaßnahmen erklären.

Im politischen Spektrum sieht Heinzlmaier vor allem das Fehlen einer echten linken Partei als großes Problem; denn die österreichische Linke (inklusive Antifa) demonstriert mittlerweile gegen die Coronademos, also für den starken Staat; und auf Twitter wird ein härteres Vorgehen gegen die Demonstranten verlangt, was angesichts der eigenen Position zu Staat und Polizei durchaus als absurd bezeichnet werden kann. Die SPÖ hat sich schon längst mit dem Neoliberalismus angefreundet.

In der folgenden Diskussion wird das Verhältnis der Linken zu Polizei und Coronademonstrationen, der kommende Impfpass, der Abbau der Demokratie mittels verfassungsfeindlicher Verordnungen, die Rolle der Frauen in der Krise und viele weitere Themen rund um den Lockdown besprochen.