Psychologische Aspekte des Phänomens QAnon – Mag. Ulrike Schiesser (Serie QAnon Explained)

Für unsere erste Ausgabe von QAnon Xplained konnten wir die Psychotherapeutin Frau Mag. Ulrike Schiesser gewinnen, die seit 2009 in der Bundesstelle für Sektenfragen arbeitet.

Die Anhänger von QAnon glauben, dass die Welt von einer Gruppe mächtiger Satanisten, darunter Hillary Clinton, Barack Obama und Angela Merkel, regiert wird, die zum Erhalt ihrer Jugend das Blut kleiner Kinder, die in 10 Kilometer tiefen Tunnels eingesperrt sind, trinkt, und auch sonstigen satanistischen Umtrieben zugeneigt ist. Wer oder was Q ist, ist nicht bekannt: die Anhänger gehen davon aus, dass es ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter ist, der mit verschlüsselten Nachrichten, sogenannten q-drops, die Öffentlichkeit über vergangene und künftige Ereignisse aufklärt und zum Fall des Kabal beiträgt. Der wichtigste bekannte Anführer in diesem Kampf ist laut den QAnons Donald Trump, der im Gegensatz zu dem, was die Medien berichten, die USA noch immer regiert und einem Militärstaat vorsteht, der nach den Wahlen die Macht übernommen hat.

Diese Bewegung begann Ende 2016 und hatte seitdem massiven Zulauf, vor allem in der USA. In Europa stiegen die Anhängerzahlen vor allem während der Coronapandemie stark an.

Zu Beginn des Gesprächs wir die Frage geklärt, ob es sich bei QAnon um eine Sekte handelt: Es gibt zwar Parallelen zwischen Menschen, die Verschwörungstheorien und Sekten anhängen – als Sekte – einen durchaus vorbelasteten Begriff – würde Schiesser QAnon aber nicht definieren. Die Merkmale dieser Bewegung – wie allgemein von Verschwörungsmythen – werden im Folgenden besprochen.

Im Zuge der Coronapandemie sind überraschend viele Menschen, die davor nicht an Verschwörungsmythen geglaubt haben, in diese eingestiegen – ganz unabhängig von Bildung, Geschlecht, sozialem Status und anderen bisher als typisch erachteten Merkmalen. Esoteriker und esoterische Gruppen hatten dagegen schon immer ein offenes Ohr für Erzählungen außerhalb des rationalen Alltags. In der Pandemie ist auch der Zeitfaktor entscheidend: viele Menschen nutzen die auf Grund der wegfallenden Jobmöglichkeiten freigewordene Zeit und „informieren“ sich im Internet über alternative Sichtweisen zu dem, was in den Medien präsentiert wird.

Soziale Medien sind ideal geeignet für die Verbreitung von Verschwörungsmythen. Mit Zunahme der Professionalisierung im Videobereich erreicht man ein großes Publikum; die Informationsblasen, in denen man sich dort bewegt, bestärken die eigene Weltsicht – oft ohne relativierenden Input von außen.

Wie in vielen dieser Mythen so spielt auch bei QAnon die Religion eine wichtige Rolle, vor allem was das Weltbild ihrer Anhänger betrifft: Trump als Erlöserfigur, der Kampf des Guten gegen Satanisten etc. Die Sehnsucht nach Erzählungen, wie sie die Religion oder Verschwörungsmythen bieten, steigt in letzter Zeit stark an – und das, obwohl viele dieser Erzählungen in sich teilweise völlig unschlüssig sind. Es wird versucht, die für viele Menschen immer komplexer werdende Welt mit einfachen Erzählungen zu erklären; der zunehmende Ruf nach starken Persönlichkeiten, die einen an die Hand nehmen und durch diese unruhigen Zeiten führen, ist auch bei Umfragen klar zu erkennen.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird auf die Bedeutung von Numerologie und die Suche nach Mustern wo es keine gibt, Zufall und Chaos, das für QAnon entscheidende Thema Pädophilie, die autoritäre Grundeinstellung der Erlöserfiguren passend zum Zeitgeist, den Vertrauensverlust von Wissenschaft und Medien und die entscheidende Frage, wie man mit Bekannten umgeht, die einer Verschwörungstheorie anhängen, eingegangen.

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Psychologische Aspekte des Phaenomens QAnon Wolfgang Müller 1

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