Homo Digitalis: Die Befreiung von Bildung und Wissen?

In der neuen Folge von Reiner Wein begrüßt Gunther Sosna den Informatiker Univ. Prof. Dr. Jesper Larsson Träff.

Der Technologieexperte erklärt, dass das Schlagwort Digitalisierung seit etwa zehn Jahren kursiert und die damit gemeinte Entwicklung als alternativlos dargestellt wird, ohne dass es darüber eine gesellschaftliche Diskussion gegeben hätte. So besteht zwar ein breiter gesellschaftlicher Konsens Behörden in ihren Kommunikations- und Organisationsstrukturen zu modernisieren, bei der Industrie 4.0 und den sich damit verändernden Arbeits- und Beteiligungsprozessen sieht dies jedoch anders aus.

Die Digitalisierung der Gesellschaft und der Bildung sind weitere offene Prozesse; vor allem Letztere ist ein Schwerpunkt von Träffs Arbeit. Das positive Framing der Digitalisierung werde viel zu wenig hinterfragt; die Für und Wider müssten für sich diskutiert und auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.

Im Zuge der Coronakrise wurde die Digitalisierung in vielen Bereichen vorangetrieben (Ansätze gab es schon lange davor); die Möglichkeit von Distance Learning und andere Veränderungen im Bildungswesen werden durchwegs positiv konnotiert. Dass dadurch das Miteinander des universitären Lebens verloren geht, wird kaum thematisiert; weder Studenten noch Lehrpersonal wurden zu dieser radikalen Veränderung bisher befragt. Aktuell befindet sich das Bildungswesen diesbezüglich in einem großen Laboratorium, dessen Versuchsergebnis offen ist. Manche Universitäten, v.a. in den USA, haben sich daher aktiv dazu entschlossen, diesen Weg nicht mitzugehen.

Der emotionale Erlebnisraum, in dem man sich Wissen aneignet, ist ebenso wichtig, wie das Wissen selbst; diesen kann man nicht im digitalen Raum simulieren. Gemeinsames forschen, diskutieren, lernen ist nur in physischer Präsenz effektiv möglich. Ohne diesen Austausch könne man zwar Experten für Spezialgebiete heranzüchten, aber keine kritischen Geister. Letzterer Menschentypus sei wohl nicht mehr gewollt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Universitäten durch die Verschulung seit den 90erJahren die geistige Bewegungsfreiheit für Studenten bereits stark eingeschränkt hatten. Mit dem Ergebnis, dass es heute zwar viel mehr wissenschaftliche Publizierungen gibt, diese aber im Durchschnitt wesentlich oberflächlicher sind, als noch vor 20 Jahren. Grund ist eine Abnahme der „technischen“ Fähigkeiten der Experten auf Grund der geschilderten Veränderungen.

Früher wurde das Wissen vom Meister an den Lehrling, vom Professor an den Studenten weitergegeben. In einer digitalen Welt, wo das Lernen großteils alleine im eigenen Heim abläuft, ist dieser Wissenstransfer kaum mehr gegeben – und die Gefahr, dass sich jemand inhaltlich „verläuft“, ist wesentlich größer.

Die effektiven Speicher- und Suchvorgänge, die die IT über Algorithmen hervorgebracht hat, helfen uns, den unüberschaubaren Dschungel an Informationen zu durchblicken; zeitgleich verursacht die IT aber auch das rasante Wachstum dieses Dschungels (weltweit gibt es mittlerweile eine Billion Webseiten), der prozentuell immer weniger klassisches Wissen enthält.

Wie der Wissenschaftler vorgeht, um Wissen aus diesem Meer an Information herauszufiltern, wie in Wissenschaft und Bildung mit Fehlern umgegangen wird, welche Auswirkungen e-learning und life long learning auf uns haben (Glaube statt Wissen) und wie die Auswahl von Inhalten durch Algorithmen sich auf die Wissenschaft auswirkt sind weitere Themen dieses Gesprächs

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Univ. Prof. Dr. Jesper Larsson Traeff Wolfgang Müller 1